Allgemeines

Medizinische Leitlinien werden kontinuierlich weiterentwickelt, um behandelnde Ärzte bei der Entscheidung für oder gegen Therapien bei der Behandlung ihrer Patienten zu unterstützen. S3-Leitlinien haben dabei die höchste Qualitätsstufe und werden von einem repräsentativen Gremium erstellt. Sie beruhen auf einer systematischen Analyse der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur (Evidenz), inklusive aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Des weiteren werden bereits in der Praxis bewährte Verfahren sowie Expertenmeinungen ebenfalls berücksichtigt.

S3-Leitlinien gibt es nur für die häufigsten Krankheitsbilder und die Mehrheit der Leitlinien stellen die qualitativ weniger hochwertigen S1-Leitlinien dar. In Deutschland werden Leitlinien zum Beispiel von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) erstellt. Da für die Erstellung von Leitlinien sehr viel Zeit benötigt wird und die Erstellung sehr aufwändig ist, sind nicht alle Leitlinien ständig auf dem aktuellsten Stand. Möglicherweise liegen bereits neue anerkannte Therapien vor, die aber noch nicht in die Leitlinien aufgenommen wurden.


Leitlinien-gerechte Therapien helfen nicht allen Patienten

Leitlinien dienen dazu, dafür zu sorgen, dass Patienten nur mit Therapien behandelt werden, von denen in klinischen Studien gezeigt wurde, dass sie wirksam sind (evidenzbasierte/beweisgestützte Medizin). Dadurch sollen Patienten die bestmögliche Therapie erhalten. Es wird dabei immer berücksichtigt, dass hierbei der Nutzen für den Patienten größer ist als das Risiko. Wenn ein Patient an Krebs erkrankt, wird er normalerweise anhand der für die entsprechende Krebserkrankung geeigneten S3-Leitlinie behandelt. Dabei werden das Stadium der Erkrankung, spezifische (molekulare) Eigenschaften des Tumors etc. berücksichtigt. Das bedeutet, bei der Therapie wird nach einem bestimmten Schema vorgegangen und der Patient bekommt die für seine Art der Erkrankung passende Therapie „A“ von der bekannt ist, dass sie bei anderen gleichartigen Krebspatienten wirksam war. Falls Therapie „A“ nicht wirksam sein sollte, wird anschließend Therapie „B“ verabreicht. Dies geschieht so lange, bis der Patient entweder geheilt ist oder auf Grund der Nichtwirksamkeit der Therapien verstirbt.

Es steht außer Frage, dass Leitlinien aufgrund fundiertem medizinischen Wissen erstellt werden und leitliniengerechte Therapien in der Lage sind vielen Patienten zu helfen. Allerdings helfen sie nicht allen Patienten. Jeder einzelne Patient ist unterschiedlich und eine Therapie, die bei anderen Patienten mit der gleichen Krebserkrankung wirksam war, muss nicht zwangsläufig bei allen Patienten wirken.


Ärzte müssen sich nicht an Leitlinien halten

Da sich selbst Patienten mit derselben Erkrankung voneinander unterscheiden, müssen Ärzte die Leitlinien auf jeden einzelnen Patienten individuell anwenden. Ein weiterer erwähnenswerter Punkt ist, dass sich kein Patient mit einer Therapie behandeln lassen muss, die von einem Arzt vorgeschlagen wurde und mit der der Patient nicht einverstanden ist. Dies ist unabhängig davon, ob diese Therapie in den Leitlinien aufgeführt wird oder nicht. Bei der Wahl einer Therapie sollten immer die Meinung und die Bedürfnisse des Patienten miteinbezogen werden, denn dadurch könnte die Heilung optimaler verlaufen.

Ein Arzt muss sich nicht zwingend an Leitlinien halten, da sie keine Richtlinien darstellen sondern nur Empfehlungen. Sie sind nicht rechtlich bindend für einen Arzt und befreien nicht von einer rechtlichen Haftung oder begründen sie. Dies bedeutet, ein Arzt kann die Therapie unabhängig von Leitlinien an die spezifische Situation eines Patienten anpassen. Es liegt kein Behandlungsfehler vor, wenn ein Arzt eine andere zugelassene Therapie verabreicht als in den Leitlinien vorgeschlagen wird.

Für seltene Krebserkrankungen oder in der Rezidivsituation existieren oftmals sogar keine entsprechenden Leitlinien.

Ein Beispiel dafür wann ein Arzt eine andere Therapie verabreichen könnte als von den Leitlinien empfohlen wird, sind Wirksamkeitstests für Krebsmedikamente (wie z.B. CTR-Test®, PCDx und Guardant360®). Durch Wirksamkeitstests kann vor Therapiebeginn bestimmt werden, gegen welche Medikamente ein Patient resistent ist und welche Medikamente potentiell wirksam sind. Dadurch werden unwirksamen Therapien vermieden und es wird wertvolle Zeit bei der Behandlung gewonnen. Solche Wirksamkeitstests könnten als Ergebnis haben, dass ein von den Leitlinien empfohlenes Medikament besser nicht verabreicht werden sollte, da es höchstwahrscheinlich im Patienten nicht wirksam sein wird. Ein anderes Medikament jedoch, welches nicht von den Leitlinien empfohlen wird, könnte eine gute Wirkung zeigen. Bei solch einem Ergebnis gilt es dann abzuwägen, ob nicht eventuell eine nicht-leitliniengerechte Therapie in diesem Fall sinnvoller wäre und dem Patienten damit besser geholfen werden könnte.


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Feb 24, 2020 By Dr. Julia Reiser

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